„Rück das Zeug endlich raus, ich warte nicht noch länger!“, schreit er mir ins Gesicht. Sein fauliger, nach Zigaretten und Fastfood stinkender Atem schlägt mir ins Gesicht. Mich wirft dieser Geruch fast um. „Ich habe keine Kohle mehr!“, sage ich kleinlaut und bin nicht davon überzeugt, dass ich keinen Mundgeruch habe. „Dann besorge dir welche, aber ein bisschen plötzlich!“, oh mein Gott, dieser Geruch, gleich sterbe ich noch! Es ist ihm klar anzusehen, dass er drogenabhängig ist und andere Leute erpressen muss, damit er an etwas Geld kommt. Aber ich habe einfach nicht genug Mut ihm die Meinung zu sagen.
Er ist so nah, dass ich ihm in die Augen sehen muss. Er hat braun, grüne Augen und gelbe Krümel in den Wimpern, seine Augen sind total verklebt. In mir kommt der Ekel hoch, gleich muss ich mich übergeben. Er stösst sich an mir ab, die raue Steinwand sticht in mein Rücken, mir ist schlecht. Ich bücke mich unter seinem Arm hindurch und renne unter der Brücke hervor dem Ufer entlang bis ich nicht mehr weiterkann. Ich stütze meine Hand an einem Stein ab und übergebe mich. Zum Glück kommt jetzt niemand hier vorbei. Ich gehe zum Fluss hinunter und wasche mir das Gesicht, lege mich auf die Wiese und schliesse die Augen. Die warme Sonne scheint in mein Gesicht und ich merke, wie meine Übelkeit langsam verschwindet. Ich pflücke noch ein paar Gänseblümchen auf der Wiese und setzte mich auf eine Bank und überlege, was ich nun tun soll.
Am besten ich gehe zu Nico, denke ich, der hat immer ein bisschen Geld. Manchmal bekommt er ein Aushilfsjob als Fensterputzer oder so, er hat sogar eine ganz kleine Wohnung für sich alleine.
Als ich am Gartentor ankomme ist Nico aber nicht zu Hause, wahrscheinlich ist er wieder unterwegs, auf der Suche nach einem neuen Job. Hoffentlich kommt er bald wieder nach Hause, denn sonst bringt mich dieser Junkie, der mich erpresst, noch um. Ich setzte mich ins Gras vor das Gartentor und schaue den Leuten zu die hier vorbeigehen. Alles heruntergekommen Leute. Besoffene schwanken über die Strasse und grölen, bei einem Laternenpfahl wird gerade eine Prostituierte von einem Mann bedroht und ganz am Ende der Strasse schlafen ein paar Obdachlose unter einem Baum. Ich fühle mich alleine und schmutzig, ich würde gerne eine Wohnung haben und eine Ausbildung machen, doch ich habe sowieso keine Chance. „Warum bin ich nicht die Tochter einer reichen Frau? Warum bin ich nicht ein anderer Mensch? Weshalb habe ich kein Glück? Wieso habe ich kein richtiges zu Hause? Warum darf ich nicht zur Schule gehen?“, frage ich mich.
Ich habe genug gesehen und nachgedacht, rapple mich auf, ich werde zu meiner Baracke gehen und etwas essen. Ich habe mein zu Hause selber zusammen gebaut, das Wellblechdach ist ein guter Schutz. Ich habe alle Bausachen von dem Schrottplatz geholt und ich bin mächtig stolz darauf. Denn Früher musste ich unter der Brücke übernachten. Meine Mom hat auch schon so gelebt, aber sie ist mit 31 Jahren an einer Lungenentzündung gestorben. Damals war ich 15 Jahre alt, es war ein grosser Verlust, denn sie hat immer das Beste daraus gemacht, dass wir kein Geld und kein zu Hause hatten. Sie hat mich getröstet und sie hat mir alles Wichtige beigebracht, was ich brauchte. Meinen Vater kenne ich gar nicht.
Ich gehe hinein und stelle wieder das Blech vor den Eingang, dann setzte ich mich auf eine umgedrehte Kiste und lege die Gänseblümchen auf einen selbstgebauten Tisch. Plötzlich habe ich Lust einen noch grösseren Blumenstrauss zu pflücken, gehe wieder hinaus und schlendere den kleinen Bach entlang, pflücke noch mehr Gänseblümchen und noch Löwenzahn. Ich finde, dass es ein wirklich schöner Strauss geworden ist, hebe eine leere Dose auf und fülle sie mit Wasser. Danach kehre ich um, weil mein Magen sehr laut knurrt.
Ich stecke alle Blümchen in die Dose und stelle sie auf den Tisch. Unter meinem Nachtlager, ein paar Teppiche und Stofffetzen, hole ich meine Essensdose hervor und sehe hinein: Ein paar Pommes, ein alter Apfel und eine halb leere Flasche mit Wasser. „Na, besser als gar Nichts“, denke ich und hebe ein Pommes hoch. Schlaff hängt es hinab und als ich hineinbeisse merke ich, dass es total fad ist. Aber mit dem Apfel geht es besser.
Ich spüle mein Mund mit Wasser aus und lege mich auf mein Bett. Ich liege eine Weile aber ich mag nicht schlafen. Ich stehe auf, nehme meine leere Wasserflasche und schlendere in den Stadtpark, dort hat es nämlich einen Brunnen, an dem ich meine Flasche auffüllen kann. Ich schaue zu, wie das Wasser in die Flasche läuft und bin plötzlich total müde. Aber wenn ich schon Mal hier bin, gehe ich noch zu dem Wasserbecken, in das die Touristen manchmal Geld werfen. Es sind zwar schon zwei andere drin und suchen nach Geld, aber manchmal habe ich Glück. Ich kremple meine Hose hinauf und wate in das kalte Wasser Zentimeter für Zentimeter suche ich den Boden ab, ohne Erfolg. Ich steige wieder hinaus und hab kalte Beine. Plötzlich steht er wieder vor mir. Er sieht noch schrecklicher aus als vorher. Er kommt au mich zu, ich kann nicht zurück, weil hinter mir das Wasserbecken ist. Ich rieche schon sein fauliger Geruch, ich bekomme Angst und meine Augen füllen sich mit Tränen. Was soll ich machen? „Und“, fragt er mich mit bedrohlich leiser Stimme. „Oh, jetzt sitze ich sehr, sehr tief in der Patsche“, denke ich und mir wird übel. „Na, komm, gibs und zwar jetzt gleich und sofort!“ „I..ich hh..ab ke..ein G..geld“, stottere ich. „Na gut, wenn du es anders haben willst!“ ruft er und spuckt mir ins Gesicht. Ich beisse mir auf die Unterlippe, wische mir seine gelbe Spucke von der Wange und sehe ängstlich zu einer Laterne, die inzwischen angegangen ist. „Du kleines Dreckstück“, schreit er, ich will wegrennen doch er reagiert blitzschnell und schubst mich ins Wasserbecken. Puddelnass schlurfe ich langsam nach Hause. Auf dem Weg schaue ich mich immer wider um, weil ich das Gefühl habe hinter jedem Baum könnte er stehen, doch es passiert nichts und ich lege mich schlafen.
Die Helligkeit blendet mich, weil die Sonne auf meine Baracke scheint und warm ist es auch, zum Glück. Ich wälze mich noch einmal und denke darüber nach, wie ich zu Geld kommen kann ohne zu stehlen. Ich stehe mühsam auf und trinke ein bisschen Wasser und wasche mir das Gesicht. Dann lege ich die Flasche auf mein Wellblechdach, damit das Wasser ein bisschen warm wird. ich schiebe das Blech vor den Eingang und gehe wieder auf Geldsuche, damit ich mir etwas zu Essen kaufen kann.
Wieder am Wasserbecken, bleibe ich stehen, kremple meine Hose hinauf und gehe hinein. Das Wasser ist angenehm kühl und diesmal habe ich Glück, es sind zwei Euro, damit kann ich mir eine kleine Flasche Orangensaft und ein Vollkornbrötchen kaufen. Ich gehe in den Supermarkt und kaufe mir ein Weissbrötchen. Ich esse es so langsam wie sonst keiner, damit ich möglichst lang essen kann das Wechselgeld werde ich zu Hause gut verstecken, vielleicht habe ich noch ein bisschen Geld in der Baracke?
Dann beschliesse ich, noch mal zu der Wohnung von Nico zu gehen. Ich mache einen Umweg um ja nicht dem schrecklichen Penner zu begegnen. Als ich am Gartentor von Nico ankomme, sind die Fensterläden immer noch geschlossen und ich muss selber sehen wo ich bleibe. Ich beschliessse nicht noch länger auf ihn zu warten und gehe in die Stadtmitte. Ich schaue mir alle Schaufenster genau an und überlege zu jedem, was ich anders machen würde. Ich kenne sie schon alle in- und auswendig, mein Lieblingsschaufenster ist das, in dem Plüschtiere ausgestellt sind. Wie sie einem so süss anschauen, so, dass man am liebsten ein paar mitnehmen will. Selbst ich mit meinen 19 Jahren finde sie noch immer zum knuddeln.
Ich habe nichts mehr zu tun, es ist schrecklich, einfach nichts zu tun haben. Ich werde wohl nach Hause gehen. Schliesslich nach einer viertel Stunde, mache ich mich auch auf den Weg. Und als ich so gehe, merke ich, dass mein Magen knurrt, als wenn es donnern würde. Als ich das Blech zur Seite schiebe ist mir schlecht vor Hunger, doch ich hab zu wenig Geld um mir etwas kaufen zu können. Mir wird schwarz vor den Augen und ich falle in schwarze, weiche Watte. Ich schlage die Augen auf und schwebe durch einen weissen Gang aus Wolken. Der Gang ist zu Ende und ich falle wieder aber ich schlage nicht auf.
Als ich die Augen öffne, muss ich mich zuerst mal orientieren. Meine Beine liegen noch draussen und mein Kopf liegt schon auf meinem Bett, wahrscheinlich bin ich wieder in Ohnmacht gefallen, wie schon öfters. Ich will aufstehen, aber mir wird schwindelig und ich hab schreckliche Bauchschmerzen. Ich greife nach meiner Vorratsdose unter dem Bett und trinke meine Notfallwasserflasche aus. Es geht mir schon ein bisschen besser, so dass ich das Blech vor den Eingang schieben kann und mit den letzten Kräften schleife ich mich auf mein Bett. Ich schliesse meine Augen und versuch schnell einzuschlafen, doch meine Gedanken lassen mich trotzt meiner Übelkeit nicht los. Wenn Nico jetzt schon so lange weg ist, wird er weit weg eine Arbeitsstelle gefunden haben, oder er will nichts mehr mit mir zu tun haben. Die zweite Möglichkeit erscheint mir logischer. Ich fange an zu weinen und irgendwann schlafe ich dann doch noch ein.
Es klopft laut gegen das Blech und eine männliche Stimme ruft: „Alina, Alina bist du da? Nun mach schon auf!“ . Ich reibe mir die Augen, ich will aufstehen und das Blech zur Seite schieben, doch die Bauchschmerzen sind wieder da und ich rufe einfach: „Komm rein!“. Er schiebt das Blech zur Seite und kommt herein. „Nico, du?“, sage ich erstaunt. „Ich habe dir etwas zu Essen gebracht, du musst sicher Hunger gehabt haben.“, sagt er und ich nicke heftig, er will doch noch etwas mit mir zu tun haben. Er setzt sich auf die Kiste. „Hier, zwei Brötchen und eine Flasche Cola.“, er gibt es mir und ich verschlinge es gierig. „Woher hast du denn das viele Geld?“, frage ich mit vollem Mund, „etwa doch geklaut?“ „Ne, ne, das ist ehrlich verdient, ich habe eine Stelle als Kloputzer erhalten, ist zwar nicht der Traumjob, aber ich verdiene Geld. Und ausserdem bin ich es gewöhnt zu putzen“, sagt er so überzeugt, dass ich es ihm glauben muss. „Na, das ist ja super, aber wo arbeitest du, warum warst du solange weg?“, frage ich und wische mir den Mund ab. „Ich arbeite hier in der Stadt ich habe aber die ganze Zeit gearbeitet, ich wollte aber nicht, dass du dir Sorgen machen musstest, aber sag mal, wirst du eigentlich immer noch von diesem Ekel erpresst?“. Ich starre an die Decke, er wusste es schon lange, aber richtig geholfen hat er mir nie. Ich habe es ihm am Anfang einmal gesagt, doch nachher haben wir nie wieder darüber geredet. Vielleicht war es hm auch egal, denn das erste Mal wollte er nur drei Euro, doch jetzt verlangt er von mir 30 Euro. Zwischen Nico und uns lief nie was, wir lernten uns im Park kennen aber er hat mir bis heute noch nie einer seiner Küsse geschenkt. Wir schweigen eine Weile. Plötzlich nimmt er meine Hand und sagt: „Hey“, er legt seine samtig, weiche Lippen auf meine und küsst mich lange, „ich helfe dir“. Alle meine Zweifel und Aengste sind verschwunden, ich lache ihn an und er strahl zurück.